Der langjährige Theaterintendant und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen beruflichen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden geschenkt. Der Vertrag wurde am Donnerstag, 22. Januar, im Kulturdezernat am Schillerplatz unterzeichnet. Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl nahm die Schenkung für das Stadtarchiv entgegen. Mehr als dreißig Kisten mit Programmen, Fotos, Skizzen und Korrespondenz sollen künftig im Stadtarchiv aufbewahrt werden.
Stationen einer mehr als fünfzigjährigen Karriere
Beilharz, in Böblingen geboren, studierte Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft und promovierte im Bereich Theater- und Urheberrecht. Seine berufliche Laufbahn begann als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 übernahm er die Funktionen als Oberspielleiter und Chefdramaturg am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel. Kurz darauf folgte seine erste Intendanz am Landestheater Tübingen, mit Anfang dreißig.
In den folgenden Jahrzehnten leitete Beilharz die Städtischen Bühnen Freiburg von 1976 bis 1983 und das Staatstheater Kassel von 1983 bis 1991. In Bonn war er ab 1991 Intendant des Schauspiels und wurde 1997 Generalintendant des zusammengeführten Theaterbetriebs der Stadt. Zahlreiche Produktionen aus Bonn wurden 1993, 1996 und 1999 zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. 2002 wechselte Beilharz ans Hessische Staatstheater Wiesbaden, das er mehr als ein Jahrzehnt prägte.
Parallel zu seinen Intendanzen initiierte Beilharz mehrere Festivals. Zu den von ihm gegründeten Reihen gehören das Theaterfestival Freiburg von 1976, das Festival Spielräume zur documenta 8 in Kassel 1987 sowie das Festival Theater im Aufbruch im Jahr 1990, das sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost präsentierte. 1992 gründete er zusammen mit Tankred Dorst die Biennale Neue Stücke aus Europa, die später als Wiesbaden Biennale fortgesetzt wurde. International engagierte er sich im Internationalen Theaterinstitut der UNESCO, dem er seit 1993 angehört und dessen Weltpräsident er von 2002 bis 2008 war. Außerdem wirkte er als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.
Bestand und Bedeutung des Vorlasses
Die ersten Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv gehen auf das Jahr 2019 zurück. Der Vorlass umfasst Programmhefte, Spielzeitprogramme, Inszenierungs-Skizzen, Fotos, Briefe, sonstige Korrespondenz und Presseausschnitte. Stadtarchivdirektor Dr. Peter Quadflieg betonte, der Vorlass bilde neben der Intendanz in Wiesbaden auch die internationalen Perspektiven einer außergewöhnlichen Theaterkarriere ab. Damit eröffne das Material Forschenden die Möglichkeit, die Vernetzung deutscher Theaterproduktionen mit Gastspielen und Festivals im In- und Ausland zu verfolgen.
Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl erklärte, die Stadt sei dankbar für die Schenkung und für das Vertrauen, das Beilharz dem Stadtarchiv entgegenbringe. Die Übergabe ermögliche eine dauerhafte Sicherung und wissenschaftliche Nutzung des Materials.
Anekdote vom Schofar und ein politischer Ausblick
Zur Vertragsunterzeichnung brachte Beilharz ein besonderes Objekt mit: ein Schofar, ein traditionelles Blasinstrument aus Antilopenhorn, das ihm die damalige Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, geschenkt hatte. Beilharz hatte 2003 in Wiesbaden Alban Bergs Wozzeck zur Erstaufführung an diesem Haus gebracht und die Produktion 2005 in Tel Aviv realisiert. Die Aufführung dort unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch fand großen Anklang und lief innerhalb von drei Wochen 14 Mal. Bundespräsident Horst Köhler und eine städtische Delegation mit Oberbürgermeister Hildebrand Diehl hatten die Vorstellung besucht. Das Schofar war eine Geste des Dankes für die Zusammenarbeit und wurde 2012 bei einem Gastspiel in Wiesbaden übergeben.
Während der kleinen Zeremonie im Kulturdezernat spielte der 87 Jahre alte Vorlassgeber auf dem Instrument. Zum Abschluss der Unterzeichnung äußerte Beilharz die Hoffnung auf einen neuen Beginn im kulturellen Austausch, angesichts veränderter politischer Verhältnisse unter anderem in Russland, in Teilen Europas und in Israel. Dieses Thema soll künftig auch über die zugänglichen Archivbestände weiter erforscht werden können.
Für Beilharz endet mit der Übergabe ein Kapitel intensiver Theaterarbeit, das nach Angaben der Stadt neun Umzüge und mehr als fünfzig Jahre künstlerisches Engagement umfasst. Der Vorlass wird schrittweise im Stadtarchiv Wiesbaden erschlossen und für Forschung und Öffentlichkeit verfügbar gemacht.
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